Gebrauchtwagenhandel

Dem Verbraucherbarometer der Europäischen Kommission zufolge, genießt der Gebrauchtwagenmarkt einen vorwiegend schlechten Ruf. Er belegte in den aufeinanderfolgenden Jahren 2010 – 2012 den letzten Platz der 21 analysierten Warenmärkte. Dies liegt laut Studie insbesondere an mangelndem Vertrauen, einer unzureichenden Vergleichbarkeit und der höchsten Rate an Komplikationen nach Vertragsschluss. [1]

Diese Problematiken lassen sich ökonomisch mit der sogenannten Zitronentheorie nach George A. Akerlof (im Original: „The market for lemons“) erklären. Als eine mögliche Ausprägung von Informationsasymmetrien, beschreibt diese die ex ante auftretenden, verborgenen Eigenschaften („hidden characteristics“) vor Vertragsschluss auf dem Markt für Gebrauchtwagen. Dabei werden schlechte Gebrauchtwagen als „Lemons“ und gute Gebrauchtwagen als „Plums“ bezeichnet.

Das Problem des Käufers ist es nun, einen guten von einem schlechten Gebrauchtwagen zu unterscheiden. Der Verkäufer ist damit im Vorteil, da er über mehr Informationen als der Käufer verfügt.

Der Käufer bildet nun einen Erwartungswert hinsichtlich der Qualität des Wagens, worin sein Kalkül einfließt, eine „Plum“ zu bekommen. Der daraus resultierende Reservationspreis wird aufgrund des Kalküls geringer ausfallen, als der Mindestverkaufspreis der Anbieter von „Plums“. Als Konsequenz werden sich die Anbieter von guten Gebrauchtwagen vom Markt zurückziehen. Für die Anbieter von „Lemons“ ist dies jedoch rentabel, da ihr Mindestverkaufspreis unterhalb des Reservationspreises liegt. Folglich kommt es zu einer Negativauslese („adverse selection“), bei der immer mehr Anbieter „noch schlechterer Lemons“ hinzukommen, weil sich der Reservationspreis aufgrund eines weiter sinkenden Kalküls des Erhalts einer „Plum“ zunehmend vermindert. Dies führt theoretisch zu Marktversagen, da niemand mehr bereit ist, auf diesem Markt zu agieren.

Eine Option zur Lösung dieses Problems stellt das sogenannte „Signaling“ dar, bei dem die Anbieter guter Gebrauchtwagen ein Signal (bspw. in Form eines Gütesiegels) geben, um sich von den schlechten Anbietern abzuheben. Aufgrund des dadurch entstehenden Mehraufwands, kommt es hier jedoch nicht zu einem wohlfahrtsoptimalen Marktgleichgewicht, wie dies bei vollkommener Information der Fall wäre.

Durch auslesbare Daten zum Zustand der Einbauteile, früheren Fahrverhalten und Unfällen könnte die Informationsasymmetrie behoben werden, ohne dabei einen sonderlichen Mehraufwand zu generieren. Daher würden neben den potenziellen Käufern auch die Anbieter profitieren, da der Wert und Zustand des Gebrauchtwagens realitätsnaher abgebildet werden kann. Somit käme es zu einem besseren Ruf des Marktes, wodurch der Erwartungswert der Käufer steigen würde und es daher zu einer höheren Rentabilität kommt.

 

Szenario:
Herr Schneider möchte sich einen gebrauchten SUV zulegen. Dazu hat er bereits mehrere Gebrauchtwagenhändler besucht, jedoch aufgrund deren schlechten Rufs und seiner mangelnden Erfahrung noch kein passendes Auto gefunden. Dies liegt vor allem daran, dass er seinen Maximalpreis aufgrund der negativen Erwartungen niedriger ansetzt, als die Händler fordern. Die preisliche Situation stellt sich wie folgt dar:

Für einen guten SUV ist Herr Schneider bereit, 16.000 € auszugeben. Für einen schlechten SUV würde er jedoch nur 8.000 € zahlen. Die Anbieter fordern für einen guten SUV 15.000 €, für einen schlechten 6.000 €.

Da Herr Schneider nicht abschätzen kann, welchen Zustand die Gebrauchten tatsächlich haben, beläuft sich sein Kalkül auf 50 %, einen guten SUV zu erhalten. Für seinen Reservationspreis bedeutet dies folgendes:

Reservationspreis (Erwartungswert) = 16.000 € · 50 % + 8.000 € · 50 % = 12.000 €

Seine maximale Zahlungsbereitschaft für einen Gebrauchtwagen beträgt somit 12.000 €. Für diesen Preis wird er bei den Händlern jedoch nicht fündig, da diese für einen guten Gebrauchten 15.000 € verlangen.

Als er beinahe resigniert, entdeckt Herr Schneider einen frisch eröffneten Gebrauchtwagenhandel. Dieser offeriert ihm die Möglichkeit, die Daten der gebrauchten Fahrzeuge auszulesen und den Zustand damit eindeutig zu belegen. Beeindruckt von dieser Technologie, entdeckt er einen gebrauchten SUV, der ihm sehr zusagt und auch seinen qualitativen Anforderungen genügt. Da seine Unkenntnis über den Zustand des Wagens beseitigt wurde, ist er bereit für diesen die geforderten 15.000 € zu zahlen.

 

Literatur:
Eine Vertiefung zur Thematik der asymmetrischen Informationen, u. a. am Beispiel der Zitronentheorie, findet sich im Buch von Johannes Natrop: „Grundzüge der Angewandten Mikroökonomie“, 2. Aufl., München, 2012, S. 358 ff.

 

 

[1] http://ec.europa.eu/consumers/consumer_evidence/market_studies/second_hand_cars/index_en.htm